Samstag, 25. April 2015

Der andere Froschkönig


Der andere Froschkönig

Meine liebste Gabriele, schon wieder hast du mich vor allen Herren bloß gestellt, schon wieder hast mich vor meinen Höflingen und Untertanen lächerlich gemacht! Ich bin doch der König!
Ich war immer gut zu dir, habe dir alles gegeben und erlaubt und was auch immer dein Wunsch war, habe ich dir erfüllt so gut ich konnte…
Nun, du hast wohl Recht – alles, was ich habe und bin, habe ich allein dir zu verdanken. Du hast mich gerettet! Du hast mich erlöst von der grünlichen Schmach, die ich durch den Fluch der alten Zauberin ertragen musste. Aber gib zu, du hättest nichts zu meiner Rettung getan, hätte dich dein Vater – Gott hab ihn selig – nicht dazu gezwungen.
Du schüttelst den Kopf. Du erinnerst dich nicht? Darf ich dich daran erinnern?

Weiß du noch, der Tag, an dem wir einander zum ersten Mal sahen. Das heißt, ich sah dich – du hast mich vermutlich nicht einmal bemerkt... Ich saß da, in der Sonne, auf dem Moos bewachsenen Stein am Brunnen und schaute der jungen Königstochter zu, wie sie mit ihren Freundinnen spielte. Ach wie liebreizend sie doch war!
Die Prinzessin, also du, Gabriele, spielte jeden Tag im Park beim Brunnen. Und eines Tages hatte sie ein neues Spielzeug bei sich: eine goldenen Kugel. Ich will gar nicht wissen, wie viele arme Seelen das Gold dafür aus der Erde schürfen mussten. Die Prinzessin spielte mit der Kugel, warf sie hoch, dass eine neue Sonne aufzugehen schien und fing sie und lachte! Ach, wie sie lachte!
Und der Frosch am Brunnen weinte. Damals war der Frosch von doppeltem Leid geplagt. Schon so lange war er kein junger Mann mehr, sondern musste als hässlicher Frosch zur Strafe sein Dasein fristen, und nun hatte ihn ein noch viel größerer Schmerz gepackt – die Liebe. Du rümpfst die Nase. Ja, ich habe dich einmal geliebt! Geliebt habe ich dich, dass ich fast daran vergangen wäre!
Ich erinnere mich nicht mehr genau, was ich so Schreckliches getan habe, dass mich die alte Zauberin ausgerechnet in einen Frosch verwandelte. ...ich glaube, ich wollte eine Seerose aus dem Teich fischen. Für mich verging die Zeit nicht wie für die anderen. Ich blieb der junge Mann, der ich gewesen war, wenn auch nun in Froschgestalt, während alle anderen, die ich geliebt hatte dahinwelkten und starben. Das Grab meiner Eltern habe ich nie gesehen, nur mein liebster Freund litt mit mir, dass ihm fast das Herz gebrochen wäre.
Aber dann sah ich die Prinzessin, dich, im Park mit der goldenen Kugel spielen und ich verliebte mich in sie, in dich! Als dir dann die Kugel in meinen Brunnen fiel, sah ich meine Chance, meine einzige Möglichkeit auf Rettung und Glück – denn damals hoffte ich noch – gekommen. Du weißt, welche Bedingungen ich dir nannte, ehe ich dir dein Spielzeug wieder brachte. Einen Bissen von deinem Teller, einen Schluck aus deinem Becher und eine Nacht in deinem Bett... Du siehst, ich hätte dir gar nichts Schlimmes antun können, selbst wenn ich gewollt hätte (und ein bisschen wollte ich schon), ich war ja ein Frosch.
Geweint hast du so bitterlich um dein teures Spielzeug...
Du hast zu allen meinen Forderungen „ja“ gesagt, auch wenn ich damals nur ein hässlicher Frosch war und zu niemandes Gesellschaft taugte, bloß dass ich dir die Kugel wieder brächte. Dann hattest du das teure Kleinod wieder und weg warst du. So schnell konnte ich dir bei bestem Willen nicht folgen – das hast du genau gewusst! Aber ich war hartnäckig.
Am Abend, als du beim Abendessen saßt, kam ich vor das Schlosstor und klopfte.
Ausgerechnet du warst es, die das Tor aufmachte. Ein Blick und schon hast du das Tor wieder zugeknallt. Ich denke, dein Vater fragte dich, wer denn da vor der Tür stehe, dass du so unhöflich bist, denn gleich darauf öffnetest du mir wieder und sagtest in jammervollem Ton zu deinem Vater, dass es nur der „alte Wasserpatscher“ sei - der allerdings, ich erinnere dich noch einmal, so nett gewesen war, dir deine Goldkugel aus dem Brunnen zu holen.
Siehst du, Gabriele, schon damals war ich nur gut zu dir und du...
Aber dein Vater war ein weiser und gerechter Mann. „Was man verspricht, das muss man auch halten!“, sagte er und so durfte ich von deinem schönen Tellerchen essen. Nur du hast keinen Bissen mehr genommen. Einen Schluck aus deinem Becher bekam ich auch, nur wolltest du danach keinen Wein mehr trinken.

Und als du schließlich zu Bett gingst, da hofftest du, dass man auf mich vergessen würde. Da erinnerte dich dein Vater, der gute König, an das Versprechen und den traurigen Frosch, der am Tisch saß und auf dich wartete. So wie du jetzt schon wieder deine Nase rümpfst, so hast du sie auch damals in lauter süße, kleine Fältchen gezogen und mich, den „alten Wasserpatscher“, mit den Fingerspitzen angefasst – welch zarter Schauder durchfuhr mich armen verliebten Mann im Frosche! – und mich tatsächlich mitgenommen.
Nein, Gabriele, sei nicht böse! Ich war doch nur ein Frosch, ich hatte keine so verderbten Gedanken! Nur du warst so schön, so wunderschön, ja du warst fast so schön, wie die Sonne selbst! Nur deshalb habe ich mich ja damals in dich verliebt, nur deshalb wollte ich dich sehen und als armer kleiner Frosch mit dir die Decke teilen!
Zuerst hast du mich in deinem schönen Gemach auf die Kommode gesetzt und ich durfte dir zuschauen, wie du dich von deinen Zofen entkleiden ließest, wie man dir dein rotes Korsettchen aufschnürte – ach, wäre ich in diesem einen Augenblick nur kein Frosch gewesen! – und man dir die Strümpfe auszog. Einen ganz kurzen Moment habe ich deine nackten Schultern gesehen, dann verschwandest du hinter dem Paravent.
Du wolltest schlafen gehen, aber dein reizender Anblick hat mich mutig gemacht. Jetzt oder nie,  dachte ich und forderte von dir, mich mit ins Bett zu nehmen. Natürlich hast du angewidert "Nein!" gesagt, aber ich konnte nicht anders, ich sagte: „Was man verspricht, das muss man auch halten!“, wie es zuvor dein Vater gesagt hatte. Kein Wunder, dass du böse wurdest. „Wer dir geholfen hat in der Not, den sollst du nachher nicht verachten!“, rief ich obendrein.
Das war zu viel.
Deine süßen sommersprossigen Wangen röteten sich, du packtest mich – diesmal mit beiden Händen und auf eine solche Art und Weise, dass mir kein wohliger Schauer über den Rücken lief – und schleudertest du mich mit einer solchen Wucht gegen die Wand, dass jeder andere arme Frosch mit verspritzten Eingeweiden daran kleben geblieben wäre.
Aber aus welchem Grund auch immer, dies war meine Rettung, auf die ich schon nicht mehr zu hoffen gewagt hatte! Durch deine Wut hast du den Zauber gebrochen und mich wieder zu einem Menschen gemacht. Wie betroffen du dreinsahst, als statt einem zerplatzten Frosch auf einmal ein nackter Mann vor dir auf dem Boden lag.
Wie könnte ich dir je dafür danken!
Ach, ich war ein Nichts... und abgesehen davon, dass ich nun der König bin, bin ich auch ein armseliges Nichts geblieben. Du lässt es mich ja oft genug spüren. Jede andere Frau, wenn sie mit ihrem Gatten streitet, weiß ihm tausend böse Namen zu geben. Aber du, Gabriele, du nennst mich immer nur, Frosch, Wasserpatscher, Amphibie! Ja, manchmal wünschte ich mir, du würdest mir einmal andere Schmähungen ins Gesicht schleudern...

Damals in jener Nacht ranntest du voll Schreck sogleich zu deinem königlichen Vater, aber der kluge Mann ließ mich nicht köpfen und dann hängen, wie du vorgeschlagen hast, sondern er nahm mich auf der Stelle als Schwiegersohn an, noch ehe ich Zeit hatte um deine Hand anzuhalten.
Bald darauf heirateten wir. Du warst nicht glücklich und mir war das Glück auch schon fast wieder vergangen…

Ja, ich werde gleich schweigen und dich nicht länger behelligen.
Aber erinnerst du dich noch an Heinrich? Den einzigen Freund, der mir von meinem alten Leben geblieben war. Als wir mit der Kutsche zur Kirche fuhren und er neben uns her ritt, da knallte es ein paar Mal so, dass wir beide erschreckt zusammenzuckten und glaubten, ein Rad sei gebrochen. Doch es waren die eisernen Bande, die Heinrich um sein Herz hatte legen lassen, dass es vor Trauer um mich nicht zerspringe, die sich nun lösten.
Er war alt geworden, aber als er mich ansah, da wusste ich, dass er der einzige war, der mich je wirklich geliebt hat – und vielleicht hätte ich ihn auch lieben können.



Donnerstag, 16. April 2015

Die drei Geschenke

Die drei Geschenke

Als Göttin und Gott sich liebten, da wurde es nicht nur Licht und das Land trennte sich von den Wassern, nicht nur kleidete sich die Erde in ihr neues Grün und der Himmel erblaute – es erwachten auch die Menschen. Göttin und Gott freuten sich über ihre Kinder und ließen sie auf dem Land umherlaufen und in den Wassern schwimmen. Sie gaben ihnen Tiere zu jagen und Kräuter zu essen und beobachteten sie bei ihren ungelenken Mühen.
Noch konnten die jungen Menschen nicht sprechen. Alles war ihnen ein stummes Wunder und eine schreckliche Gefahr. Ihr neues Leben war hart und kurz.

Als da der erste Mensch zu träumen begann, da war auf einmal die Nacht nicht mehr dunkel und kalt, der Tag nicht mehr voll schrecklicher Gefahren. Was das harte Leben des Tages den Sterblichen verwehrte, schenkte ihnen die Nacht. Wenn die Menschen nach ihren ersten Träumen erwachten, blickten sie einander aus großen Augen an und konnten nicht begreifen, was geschehen war.
Da wurden Göttin und Gott traurig, denn sie wussten nicht, was auf einmal mit ihren Kindern geschehen war, dass sie so voll Bangen jeden neuen Tag begrüßten. Deshalb berieten sie, was sie tun sollten. „Wenn sie einander erzählen könnten, was sie in ihren Träumen erblickt haben, vielleicht wären sie dann nicht mehr so ängstlich,“ meinte da der Gott.
So schenkten sie den Menschen die Worte und fortan konnten sie miteinander sprechen und erzählten einander, was sie in der Nacht träumten. Doch die jungen Menschen waren nicht lange mit diesem Geschenk zufrieden, das ihnen Göttin und Gott gegeben hatten, denn so oft fehlten ihnen die richtigen Worte, um einander zu beschrieben, welche Bilder ihnen die Nacht geschenkt hatte. Noch viel schwieriger war es für die Menschen, wenn sie erzählen wollten, was sie sich tagsüber mit ihren eigenen Gedanken ausgedacht hatten – es gab nicht genug Worte dafür. Selbst als ein paar besonders kluge Menschen begannen sich selbst neue Worte auszudenken, reichten sie nicht aus.
„Haben wir ihnen die falsche Sprache gegeben?“, fragte da der Gott seine Gefährtin.
„Geben wir ihnen doch noch etwas,“ erwiderte die Göttin. Sie nahm von verschiedenen Pflanzen etwas und noch etwas, nahm ein Stück Erde und gab zu allem einen winzigen Tropfen ihres eigenen Blutes hinzu. „Schenken wir ihnen Farbe.“
So kam es, dass die noch jungen Menschen, aus verschiedenen Zutaten wundersame Farben zu mischen lernten, mit denen sie die Gedanken, für die sie nicht die Worten hatten, auf die Wände ihrer Behausungen malen konnten. Lange waren da die Menschen zufrieden mit ihren Träume und den Bildern, die sie daraus machen konnten.
Doch die Zeit machte unverdrossen das, was sie am besten konnte: sie verging.
Und irgendwann standen die Menschen vor den Bildern ihrer Ahnen und redeten miteinander – doch sie konnten sich nicht mehr erinnern, was diese Zeichnungen einst bedeutet hatten. Da wurden sie wieder unglücklich und manche begannen sogar die alten Bilder zu zerstören, da sie ja ohnehin nicht mehr wussten, welche Träume sie einst erschaffen hatten.
„Wie kommt es, dass die Menschen auch mit diesem Geschenk nicht zufrieden sind?“, fragte da die Göttin betrübt. „Wären sie ohne unsere Gaben glücklicher gewesen?“
Lange berieten Göttin und Gott miteinander und vieles erwogen und verwarfen sie. Da gerieten sie in einen heftigen Streit, dass die Göttin mit großen Schritten über den Himmel davon eilte. Die Wolken zerstoben unter ihre Füße und malten merkwürdige Zeichen an den Himmel. Verwundert blickten da die Menschen zu dem blauen Zelt auf und manche von ihnen begannen die Zeichen, die sie am Himmel erblickten, zu malen.
Da lachte der Gott auf und rief seine Gefährtin zurück. „Sieh, was unser Streit angerichtet hat! Die Menschen haben Zeichen gefunden, mit denen sie ihre Gedanken festhalten können!“
„Wie wollen wir dieses Geschenk nennen?“, fragte die Göttin.
„Nennen wir es doch Schrift,“ erwiderte der Gott und beobachtete die neuen Zeichen, die schon bald überall auf der Welt zu sehen waren. „Von nun an werden die Menschen nichts mehr vergessen, das sie einmal in Worte gefasst haben. Was hätten wir ihnen Größeres schenken können?“ Er freute sich, dass seine Kinder nun endlich zufrieden leben konnten.

Besorgt sah die Göttin jedoch nach einiger Zeit, als die Menschen schon recht gut mit den neuen Zeichen umgehen konnten, dass es immer mehr unter ihnen gab, die wieder nichts damit anzufangen wussten und sehnsüchtig zu den alten Bildern blickten.
Vielleicht sollten wir ihnen noch ein Geschenk machen?“, fragte sie da.
Drei Gaben haben sie von uns bekommen – sollte das nicht genügen?“, erwiderte der Gott.
Die Göttin nickte, doch heimlich wählte sie einen jungen Menschen aus und holte ihn zu sich. Zärtlich gab sie ihm einen Kuss auf seine Lippen, dass er fortan etwas konnte, was sonst keiner konnte: Wenn er sprach, dann erwachten in den Menschen, die ihm lauschten jene Träume, welche die ersten Menschen erblickt hatten, als die Erde zu ersten Mal grün geworden war und der Himmel erblaute.

So wanderte der erste Geschichtenerzähler unter den Menschen und schenkte ihnen die Worte, die sie längst vergessen hatten. Und wann immer die Göttin einen Menschen küsste, gab sie ihm ein Stück Erinnerung an jene ersten Träume wieder.


...fast spüre ich ihren Kuss noch auf meinen Lippen.


Dienstag, 14. April 2015

Ritterfest Oberkapfenberg 27. - 28. 6. 2015


...um Mitternacht, wenn nur noch Feuer die Burg erhellen und die Augen unter dem nächtlichen Sternenlicht funkeln, sollt ihr Geschichten hören...


Zusammen mit dem wunderbaren Harfner Angus von Tara darf ich zu später Stunde auf der Burg Oberkapfenberg in der Steiermark Märchen und Sagen des Mittelalters erzählen. Kommt und lauscht und lasst euch verzaubern...