Donnerstag, 16. April 2015

Die drei Geschenke

Die drei Geschenke

Als Göttin und Gott sich liebten, da wurde es nicht nur Licht und das Land trennte sich von den Wassern, nicht nur kleidete sich die Erde in ihr neues Grün und der Himmel erblaute – es erwachten auch die Menschen. Göttin und Gott freuten sich über ihre Kinder und ließen sie auf dem Land umherlaufen und in den Wassern schwimmen. Sie gaben ihnen Tiere zu jagen und Kräuter zu essen und beobachteten sie bei ihren ungelenken Mühen.
Noch konnten die jungen Menschen nicht sprechen. Alles war ihnen ein stummes Wunder und eine schreckliche Gefahr. Ihr neues Leben war hart und kurz.

Als da der erste Mensch zu träumen begann, da war auf einmal die Nacht nicht mehr dunkel und kalt, der Tag nicht mehr voll schrecklicher Gefahren. Was das harte Leben des Tages den Sterblichen verwehrte, schenkte ihnen die Nacht. Wenn die Menschen nach ihren ersten Träumen erwachten, blickten sie einander aus großen Augen an und konnten nicht begreifen, was geschehen war.
Da wurden Göttin und Gott traurig, denn sie wussten nicht, was auf einmal mit ihren Kindern geschehen war, dass sie so voll Bangen jeden neuen Tag begrüßten. Deshalb berieten sie, was sie tun sollten. „Wenn sie einander erzählen könnten, was sie in ihren Träumen erblickt haben, vielleicht wären sie dann nicht mehr so ängstlich,“ meinte da der Gott.
So schenkten sie den Menschen die Worte und fortan konnten sie miteinander sprechen und erzählten einander, was sie in der Nacht träumten. Doch die jungen Menschen waren nicht lange mit diesem Geschenk zufrieden, das ihnen Göttin und Gott gegeben hatten, denn so oft fehlten ihnen die richtigen Worte, um einander zu beschrieben, welche Bilder ihnen die Nacht geschenkt hatte. Noch viel schwieriger war es für die Menschen, wenn sie erzählen wollten, was sie sich tagsüber mit ihren eigenen Gedanken ausgedacht hatten – es gab nicht genug Worte dafür. Selbst als ein paar besonders kluge Menschen begannen sich selbst neue Worte auszudenken, reichten sie nicht aus.
„Haben wir ihnen die falsche Sprache gegeben?“, fragte da der Gott seine Gefährtin.
„Geben wir ihnen doch noch etwas,“ erwiderte die Göttin. Sie nahm von verschiedenen Pflanzen etwas und noch etwas, nahm ein Stück Erde und gab zu allem einen winzigen Tropfen ihres eigenen Blutes hinzu. „Schenken wir ihnen Farbe.“
So kam es, dass die noch jungen Menschen, aus verschiedenen Zutaten wundersame Farben zu mischen lernten, mit denen sie die Gedanken, für die sie nicht die Worten hatten, auf die Wände ihrer Behausungen malen konnten. Lange waren da die Menschen zufrieden mit ihren Träume und den Bildern, die sie daraus machen konnten.
Doch die Zeit machte unverdrossen das, was sie am besten konnte: sie verging.
Und irgendwann standen die Menschen vor den Bildern ihrer Ahnen und redeten miteinander – doch sie konnten sich nicht mehr erinnern, was diese Zeichnungen einst bedeutet hatten. Da wurden sie wieder unglücklich und manche begannen sogar die alten Bilder zu zerstören, da sie ja ohnehin nicht mehr wussten, welche Träume sie einst erschaffen hatten.
„Wie kommt es, dass die Menschen auch mit diesem Geschenk nicht zufrieden sind?“, fragte da die Göttin betrübt. „Wären sie ohne unsere Gaben glücklicher gewesen?“
Lange berieten Göttin und Gott miteinander und vieles erwogen und verwarfen sie. Da gerieten sie in einen heftigen Streit, dass die Göttin mit großen Schritten über den Himmel davon eilte. Die Wolken zerstoben unter ihre Füße und malten merkwürdige Zeichen an den Himmel. Verwundert blickten da die Menschen zu dem blauen Zelt auf und manche von ihnen begannen die Zeichen, die sie am Himmel erblickten, zu malen.
Da lachte der Gott auf und rief seine Gefährtin zurück. „Sieh, was unser Streit angerichtet hat! Die Menschen haben Zeichen gefunden, mit denen sie ihre Gedanken festhalten können!“
„Wie wollen wir dieses Geschenk nennen?“, fragte die Göttin.
„Nennen wir es doch Schrift,“ erwiderte der Gott und beobachtete die neuen Zeichen, die schon bald überall auf der Welt zu sehen waren. „Von nun an werden die Menschen nichts mehr vergessen, das sie einmal in Worte gefasst haben. Was hätten wir ihnen Größeres schenken können?“ Er freute sich, dass seine Kinder nun endlich zufrieden leben konnten.

Besorgt sah die Göttin jedoch nach einiger Zeit, als die Menschen schon recht gut mit den neuen Zeichen umgehen konnten, dass es immer mehr unter ihnen gab, die wieder nichts damit anzufangen wussten und sehnsüchtig zu den alten Bildern blickten.
Vielleicht sollten wir ihnen noch ein Geschenk machen?“, fragte sie da.
Drei Gaben haben sie von uns bekommen – sollte das nicht genügen?“, erwiderte der Gott.
Die Göttin nickte, doch heimlich wählte sie einen jungen Menschen aus und holte ihn zu sich. Zärtlich gab sie ihm einen Kuss auf seine Lippen, dass er fortan etwas konnte, was sonst keiner konnte: Wenn er sprach, dann erwachten in den Menschen, die ihm lauschten jene Träume, welche die ersten Menschen erblickt hatten, als die Erde zu ersten Mal grün geworden war und der Himmel erblaute.

So wanderte der erste Geschichtenerzähler unter den Menschen und schenkte ihnen die Worte, die sie längst vergessen hatten. Und wann immer die Göttin einen Menschen küsste, gab sie ihm ein Stück Erinnerung an jene ersten Träume wieder.


...fast spüre ich ihren Kuss noch auf meinen Lippen.


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