Dienstag, 21. Juli 2015

Allerleirau spricht

Mein Herr und König 

KÖNIG. Liebst du mich?
KÖNIGIN. Du bist mein König.
KÖNIG. Liebst du mich!?
KÖNIGIN. Du bist mein Mann, den ich vor Gott und der Welt geheiratet habe, wie kannst du da noch fragen ob ich dich liebe? Du hast nie gefragt, ob ich dich liebe. Du wolltest wissen, wer das Rautierchen ist, das in deiner Küche dient, du wolltest wissen, wer das Mädchen ist, so golden wie die Sonne, wer das Mädchen, so silbern wie der Mond. Du hast das Mädchen geheiratet, so glänzend wie die Sterne - aber ob ich dich liebe hast du noch nie gefragt. Du wolltest wissen, woher das goldene Spinnrädchen, der goldenen Ring und das goldene Haspelchen wären – und erkanntest nicht, dass es die Morgengaben an deine verstorbene Ehefrau waren – aber ob ich dich liebte, hast du nie gefragt.
KÖNIG. Ich habe dir jeden Wunsch erfüllt.
KÖNIGIN. Und du zwangst mich, dass auch ich dir jeden deiner Wünsche erfülle.
KÖNIG. Ich liebe dich!
KÖNIGIN. Das ist nicht recht, das war nie recht und ist gegen jedes Gesetz!
KÖNIG. Dein goldenes Haar…
KÖNIGIN. Wie es meine Mutter hatte. Was du einmal besessen hast, wolltest du niemals wieder hergeben, aber sie ging, sie starb und du musstest bleiben.
KÖNIG. Ihr goldenes Haar…
KÖNIGIN. Genauso, wie meines. Nur deshalb begehrtest du mich. Nur deshalb sahst du mich nach dem Begräbnis an, als hättest du mich niemals zuvor erblickt, nur deshalb blitzten deine Augen so begehrlich. Du liebtest mich nie wie ein Vater seine Tochter liebt, sondern wie ein Mann eine Frau begehrt. Ich bin deine Tochter!
KÖNIG. Du bist meine Königin! Liebst du mich denn gar nicht?
KÖNIGIN: Wie könnte ich…
KÖNIG. Überall, in jedem Dorf, in jeder Stadt, in allen Ländern habe ich nachforschen lassen, ob es noch so ein Mädchen mit goldenem Haar gäbe, wie meine Frau sie hatte, aber du warst die einzige. Das Kleid so golden wie die Sonne, so silbern wie der Mond, so glänzend wie die Sterne und der Mantel aus tausenderlei Rauwerk und dem Fell von jedem Tier im Lande – habe ich dir nicht jeden Wunsch erfüllt, habe ich nicht alles für dich getan? Du hättest die glücklichste Frau unter dem Himmel werden können. Warum hast du nicht eingewilligt? Warum musstest du fliehen und uns allen diese Schmach antun, warum…
KÖNIGIN. Warum ich dieses Spiel mitgespielt habe? Was hätte ich denn sollen. Ich wünschte mir alles das, um mich durch eine unmögliche Aufgabe, wie sie in so vielen Märchen vorkommt, vor der Ehe mit meinem eigenen Vater zu retten! Eine unmögliche Aufgabe war es, aber du hast alles Gold und alles Silber und alle Diamanten in die kostbaren Kleider weben lassen und alle deine Jäger mussten ausziehen, um jedem Tier im Lande ein Stückchen von ihrem Pelz zu stehlen. Und dann kamst du in meine Kammer, du warfst die Kleider vor mich hin. Morgen wird geheiratet, sagtest du zu mir. Ich bin geflohen und ich wurde gefangen... - nein, das Rautierchen wurde gefangen und weil es gut für die Küche war, wurde es in den Verschlag unter der Treppe gesperrt, damit es am Abend die Asche zusammenkehren konnte. Hast du mich denn nicht erkannt?
KÖNIG. Ich habe mir nicht angesehen, was meine Jäger da brachten.
KÖNIGIN. Auf einem deiner Feste tanzte da ein schönes Mädchen.
KÖNIG. Sie glänzte wie die Sonne.
KÖNIGIN. Ein Kleid so golden wie die Sonne. Hast du mich nicht erkannt?
KÖNIG. Ich habe sie begehrt, ihr glänzendes Haar, aber… Ich wollte dich nicht erkennen.
KÖNIGIN. Und die Suppe?
KÖNIG. Sie schmeckte besser.
KÖNIGIN. Als du nichts Besseres mehr mit dir anzufangen wusstest, als dich in ewigen und immer wiederkehrenden Festen und Bällen zu ertränken, da geschah es. Da wollte der Koch auch einmal oben zusehen, sich die feinen Damen in ihren Seidengewändern und die hübschen Knaben ansehen, und das armselige Rautierchen sollte derweil sich um die Suppe kümmern.
KÖNIG. Sie schmeckte besser.
KÖNIGIN. Und Gold war darin.
KÖNIG. Der Ring.
KÖNIGIN. Der Koch musste zu dir kommen und Rechenschaft darüber ablegen, warum er auf einmal eine Suppe zubereiten konnte, die nicht nach Waschwasser und Ratten schmeckte. Und nach dem Kleinod fragtest du ihn, aber er wusste nichts, und schickte das kleine Rautierchen herauf. Und der König starrte das Mädchen unter der Asche und dem Fell an...
KÖNIG. Wer bist du?
KÖNIGIN. Ich bin ein armes Kind, das keinen Vater und keine Mutter mehr hat.
KÖNIG. Wozu bist du im Schloss?
KÖNIGIN: Ich bin zu nichts gut, als dass man mir die Stiefel an den Kopf wirft.
KÖNIG. Wo hast du den Ring her, der in der Suppe war?
KÖNIGIN. Von dem Ring weiß ich nichts.
KÖNIG. Und am nächsten Abend war da wieder ein schönes Mädchen, das strahlte wie der Mond. Ich tanzte mit ihr.
KÖNIGIN. Ein Kleid so silbern wie der Mond. Hast du mich nicht erkannt?
KÖNIG. Ich habe sie begehrt, aber da war sie auch schon wieder weg. Ich wolle nur das Haar, das so golden glänzte, wie das meiner verstorbenen Frau. Nein, sie war ja nicht tot, sie hatte doch mit mir getanzt - so silbern wie der Mond!
KÖNIGIN. Und die Suppe?
KÖNIG. Sie schmeckte besser und ein goldenes Spinnrädchen war darin. Der Koch hatte keine Ahnung und das Rautierchen sagte nichts, und ich wollte das Mädchen unter der Asche und dem Fell nicht erkennen. Ich begehrte sie, aber ich wollte dich nicht darin erkennen, meine Tochter, meine Gemahlin.
KÖNIGIN. Aber das Mädchen kam wieder.
KÖNIG. Sie funkelte, sie glitzerte.
KÖNIGIN. Ein Kleid so glänzend wie die Sterne… Und du konntest deine Begierde nicht mehr beherrschen. Weißt du noch, der Ring…
KÖNIG. Ich steckte ihn ihr an den Finger und im Tanz bemerkte sie es nicht.
KÖNIGIN. Und dann war sie weg. Hast du mich nicht erkannt?
KÖNIG. Ich wollte nicht.
KÖNIGIN. Und die Suppe?
KÖNIG Sie schmeckte besser.
KÖNIGIN. Und was war darin?
KÖNIG. Ein Haspelchen, ein goldenes. Und der Koch wusste von nichts.
KÖNIGIN. Das Rautierchen musste wieder zu dir hinaufkommen. Du hast mich betrogen. Der Ring, den du mir im Tanz aufgesteckt hast. Ich bemerkte den Schmuck erst, als ich Tür öffnete, ich konnte ihn nur noch rasch abziehen und in meiner Tasche verbergen. Die weiße Stelle an menem Finger blieb und verriet mich an dich.
KÖNIG. Meine Liebe verriet mich. Ich wollte dich ja nicht erkennen.
KÖNIGIN. Ich bin doch deine Tochter!
KÖNIG. Die einzige, die so goldenes Haar hat, wie deine Mutter.
KÖNIGIN. Du wolltest zweimal dieselbe Frau heiraten.
KÖNIG. Die weiße Stelle an deinem Finger. Ich musste dich erkennen. Du sagtest gerade wieder, dass du auch von dem kleinen goldenen Haspelchen nichts wüsstest, da packte meine Hand die deine, da schauten meine Augen in die deinen, da musste ich dich erkennen, wie ich dich auch schon vorher erkannt hatte. Das Mädchen, so golden wie die Sonne, so silbern wie der Mond, so strahlend wie die Sterne, warst immer nur du und das Rautierchen war meine Tochter, die ich liebte, weil sie die goldenen Haare meiner verstorbenen Frau hatte.
KÖNIGIN. Du liebst mich nicht.
KÖNIG. Verlangst du auch das noch?
KÖNIGIN. Ich verlange nichts. Du bist mein Vater und ich deine Tochter, du bist mein Herr und König und ich bin deine Frau.


Mittwoch, 1. Juli 2015

Ritterfest Oberkapfenberg 2015

...schrecklich dunkel war die Nacht und wild wogten die Wellen gegen die Klippen. Kein einziges Licht sah man ringsum, nur dort, in der weißen Burg Matelane schimmerte es durch die hohen Fenster: Dort saß der junge König Hetel von Hegelingen und das wundersame Lied, das Herr Horand ihm spielte, erweckte in ihm die Sehsucht nach einem wunderschönen  Mädchen...
Foto von Eva Meierhofer, 2015
http://www.ritterfest.net/index.php/fotogalerie/12-foto-galerie/29-foto-ritterfest-2015
So (oder so ähnlich) durfte ich am vergangenen Wochenende beim Ritterfest auf Burg Oberkapfenberg aus dem Kûdrûn-Lied erzählen. Es war ein wunderbar stimmiger Abend und ich freue mich, dass ich zusammen mit Angus von Tara an der Harfe sogar "die wackeren Helden des Schwertes ein Taschentuch benötigten..."

Danke an alle, die durch ihr Zuhören meine Geschichte(n) zum Leben erweckt haben.
So schaut eine glückliche Märchenerzählerin aus:

Vielen lieben Dank für das fesche Foto an Norbert Eder, 2015, http://www.norberteder.com/