Sonntag, 22. November 2015

Herzkinder

Noch einmal ein kleiner Rückblick auf den wunderbaren Märchenabend für den Herzkinder-Verband. Es erzählten Mariou, Astrid Andrae, Justine Sundl, Manfred Rosenberger, die Mundwerkerin Maria Walch und meine Wenigkeit ;) Am Monochord erklang Renate Seiffert.


Sechs ErzählerInnen, unterschiedliche Märchen - und dazu außergewöhnliche Musik.


Donnerstag, 19. November 2015

Das Tränenkrüglein

 Ich habe hier eines der Märchen für euch, das ich bei der Benefizveranstaltung für Herzkranke Kinder am 13.11. erzählt habe...



Von der Macht der Tränen oder Das Tränenkrüglein
(frei nach Giambattista Basile, Pentameron, 16. Jh.)


Einst wurde einem Königspaar ein kleiner Prinz geboren, lieb und gesund, wie sie ihn sich gewünscht hatten. Doch wer weiß, wie es kam, dass eine mächtige Fee – oder war es eine Hexe? -, welche das Königspaar durch irgendeine Handlung wohl verletzt hatte, den Knaben zu immer währender Krankheit verfluchte, für die es keine Heilung geben sollte. Erst ein Mädchen, das ein ganzes Krüglein um seinetwillen mit ihren eigenen Tränen voll weine, könne ihm die Krankheit dereinst abwaschen und ihn gesund machen.
Zur selben Zeit kam in einem anderen Königreich eine Prinzessin zur Welt, deren Eltern ebenso versehentlich den Zorn einer Mächtigen auf sich zogen, doch ihr wurde ein anderer Fluch zuteil. Das Mädchen sollte niemals in ihrem Leben lachen können.


So gingen die Jahre dahin, der Prinz und die Prinzessin, die voneinander nichts wusste, wuchsen heran und keiner von ihnen verlebte einen einzigen wahrhaft glücklichen Tag.
Da kam einmal eine Alte in das Königreich, in dem das Mädchen lebte, und die Frau wackelte so wunderlich mit ihrem Kopf und lehnte sich zitternd auf ihren krummen Krückstock, dass ein jeder, der sie sah, lachen musste – allein die Prinzessin blieb ernst wie eh. Da trat die Alte zu ihr hin und sagte: „Ich sehe wohl, dass du ein gutes Herz hast und nicht leichtfertig über Alter und Schwäche lachen magst. Deshalb höre: ich weiß von einem Prinzen, der von einer schweren Krankheit befallen ist. Nur wer um seinetwillen ein Krüglein mit den eigenen Tränen voll weinen kann, vermag ihm seine Krankheit abzuwaschen. Ich bin mir sicher, dass er hernach die zur Frau nehmen wird, die ihm seine Gesundheit wiedergegeben hat...“
Da erwiderte die Prinzessin: „So bin es womöglich ich, die ihm helfen kann, denn seit ich denken kann, habe ich nicht einmal lachen mögen.“ Und sie nahm ein Krüglein und ging in jenes Königreich, das die Alte ihr gewiesen hatte.
So kam sie zu dem Schloss des Prinzen und setzte sich auf einen Hügel, von dem sie Tag um Tag hinab auf den Schlossgarten blicken konnte, wo der junge Prinz spazieren ging, wenn er denn die Kraft dazu hatte. Und wie sie ihn da so sah, da stiegen ihr die Tränen in die Augen und Tropfen um salzigen Tropfen füllte sich das Krüglein.
Dies jedoch sah eine eifersüchtige Magd, die selbst gerne Prinzessin gewesen wäre. Und als die wahre Prinzessin eines abends müde vom Weinen einschlief, da nahm sie ihr das Krüglein weg, und weil nur noch ein paar Tropfen fehlten, ehe es ganz voll war, rieb sie sich Zwiebel um die Augen und mit Müh' und Not konnte sie das Gefäß voll weinen.
Da ging die Magd zu dem kranken Prinzen hin. „Siehe, um deinetwillen habe ich dies Krüglein voll geweint!“, sagte sei und wusch ihm mit den Tränen die Krankheit ab. Und siehe da – der Prinz schien tatsächlich gesund zu werden. Und weil er meinte, das müsse nun einmal nach solch einem Wunder so sein, machte er die Magd zu seiner Braut und die Hochzeit sollte bald mit aller Freude gehalten werden.
Doch merkwürdig – irgendwie schien nur sein Leib gesund geworden zu sein. Im Herzen war es ihm noch immer so, als würde die Krankheit an ihm nagen.


Als die Prinzessin anderntags erwachte und sah, dass das fast volle Krüglein verschwunden war, da weinte sie umso mehr, da sie ahnte, dass eine andere wohl den Prinzen geheilt und sein Herz gewonnen hatte, sodass ihre Tränen in das Gras fielen, wo sie saß. So lange hatte sie um des kranken Prinzen willen geweint – und fast hatte sie gemeint, dass ihr eigenes Herz davon leichter wurde. Doch weil ihr der Anblick des Schlosses und des jungen Prinzen lieb geworden war, wollte sie den Hügel nicht mehr verlassen und blieb dort sitzen und weinte.
Doch sie sah nicht, wie mit jedem Tropfen, der von ihren Augen auf die Wiese fiel, eine kleine Blüte ihr Köpfen emporstreckte und sich glitzernd wie Tau der Sonne zuwandte.


Der Prinz jedoch, auch wenn sein Leib nun wieder gesund war, konnte keine rechte Freude finden, so als säße irgendwo, versteckt, noch immer die bittere Krankheit in seinem Herzen und nage im Verborgenen an ihm. So ging er eines Tages wieder in seinem Schlossgarten spazieren, als er auf einmal wundersame Blüten sah, schimmernd wie Tau, die dort, auf dem Hügel ihre Köpfchen der Sonne entgegen streckten. Verwundert ob lieblichen Gewächse stieg er hinauf.
Dort setzte er sich mitten unter die Blumen und weil sie ihm wie Tränchen aussahen, begann er zu weinen.
Da trat auf einmal einmal das Mädchen zu ihm. „Was weinst du?“, fragte sie.
Er erwiderte: „Ich weine, weil ich gesund bin und mein Herz noch immer leidet.“
„Hat denn nicht ein Krüglein voll Tränen deine Krankheit abgewaschen?“, fragte sie.
„Das hat es wohl, doch mein Herz ist dabei nicht gesund geworden. Nun weiß ich, dass nichts auf der Welt mehr meinen Schmerz lindern kann.“
Da begann die Prinzessin mit ihm zu weinen und just so viel Tränen fielen dabei auf seine Hände, wie noch gefehlt hätten, dass das Tränenkrüglein voll geworden wäre.


Da schaute der Prinz auf und mit einem Male wurde ihm so leicht ums Herz, wie noch bisher. Wie wohl tat es ihm, einmal mit einer Menschenseele gemeinsam von Herzen zu weinen! Und er nahm sie in die Arme – so schön war es und sanft, als hätte es immer so sein müssen.
Da erkannte er, dass die Falsche ihn geheilt hatte und er sagte zu der Prinzessin: „Deine Tränen haben mich gesund gemacht, nicht das Krüglein, das die andere vollgeweint hat!“
„Fast jeden Tropfen darin habe ich geweint!“, erwiderte die Prinzessin.
„Du bist meine wahre Braut! Du sollst meine Königin werden!“, rief er da aus.
Da spürte die Prinzessin auf einmal so ein merkwürdigen Ziehen in der Brust. Es drückte und kitzelte und ihre Lippen kribbelten und sie wusste nicht, wie ihr geschah, es zog und ziepte – da lachte sie auf! So glücklich war sie, dass sie laut lachen musste und nie mehr, solange sie an der Seite des Prinzen lebte, vergoss sie mehr eine weitere Träne.


Sonntag, 8. November 2015

Märchen auf Burg Wildegg

Vielen lieben Dank an alle, die bei meinen beiden Märchen-Workshops zugehört und so begeistert miterzählt haben! Es war wirklich unheimlich spannend für mich, wie sich die Märchen, die wir gemeinsam haben entstehen lassen, sich verselbstständigt haben und so unerwartete Wendungen nahmen. Großartig! Alleine hätte mir das nie einfallen können. :)
...wer hätte auch ahnen können, was Drachen wirklich wollen...


Es hat mir große Freude bereitet am Abend dann, bei Kerzenlicht vor Publikum und mit einer echten (!) Spinnerin als Zuhörerin, meine geliebte Hegelingen-Saga zu erzählen, die Abenteuer von "Strohhalm, Kohle und Bohne" zu berichten - und sogar eine Weihnachtsgeschichte mit euch zu teilen. :)


Ich hoffe, wir sehen und hören einander im nächsten Jahr wieder!

...und wenn sie nicht gestorben sind, dann wundern sie sich wohl noch immer, wieso sie den Drachen nicht gleich gefragt haben, was denn sein Problem mit der Prinzessin war...^^